Lesen- und Schreibenlernen – manchmal ein schwierig’ Ding!


 

Gute 20 Prozent der Menschen eines Jahrganges haben große Schwierigkeiten beim Erlernen und bei der kompetenten Verwendung der Kulturtechniken Lesen und (Recht-)Schreiben. Die Ursachen dafür sind vielfältig, die Folgen für die Schullaufbahn, das Berufsleben und das persönliche Glück sind gravierend.

 

Die aktuelle 10. Fassung der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme - WHO-  ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems, 10th Revision, Version for 2006) der Weltgesundheitsbehörde (WHO) beschreibt ihre Beeinträchtigung im Hauptkapitel V (Psychische und Verhaltensstörungen [F00-F99]), Unterkapitel Entwicklungsstörungen (F80-F89) in der Gruppe „Umschriebene Entwicklungsstörungen (‚disorder’) schulischer Fertigkeiten“:

 „Es handelt sich um Störungen, bei denen die normalen Muster des Fertigkeitserwerbs von frühen Entwicklungstadien an gestört sind. Dies ist nicht einfach Folge eines Mangels an Gelegenheit zu lernen; es ist auch nicht allein als Folge einer Intelligenzminderung oder irgendeiner erworbenen Hirnschädigung oder -krankheit aufzufassen.“ und definiert als Lese- und Rechtschreibstörung  (‚Specific Reading Disorder’, F81.0):

Das Hauptmerkmal ist eine umschriebene (‚specific’) und bedeutsame Beeinträchtigung (‚impairment’) in der Entwicklung der Lesefertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Visusprobleme (= Sehschärfenprobleme, MK;‚visual acuity problems’) oder unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, können sämtlich betroffen sein. Bei umschriebenen Lesestörungen sind Rechtschreibstörungen häufig und persistieren oft bis in die Adoleszenz, auch wenn einige Fortschritte im Lesen gemacht werden. Umschriebenen Entwicklungsstörungen des Lesens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus. Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich häufig“.

Synonym werden die Diagnosen Entwicklungsdyslexie, umschriebene Lesestörung und „Leserückstand“ genannt (siehe ICD-10, 2005, Hervorhebungen durch MK).

Synonym wird zu dem (hauptsächlich in der Schweiz) gebrauchten Begriff Dyslexie in Österreich und Deutschland auch „Legasthenie“ verwendet.

 

Der deutsche Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie unterscheidet drüber hinaus zwischen Lese-Rechtschreibstörung und Lese-Rechtschreibschwäche (LRS):


„In der Regel sind für die Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung folgende Richtwerte ausschlaggebend:

Man spricht bei der Diagnose von einem "doppelten Diskrepanzkriterium": Die Lese- oder Rechtschreibleistung ist deutlich niedriger als es der übrigen Altersgruppe entspricht (erstes Diskrepanzkriterium) und die Lese- oder Rechtschreibleistung ist deutlich schwächer als es der Intelligenzquotient erwarten ließe (zweites Diskrepanzkriterium).

Lässt sich eine Lese-Rechtschreibschwierigkeit durch mangelhafte Beschulung, durch eine psychische oder neurologische Erkrankung oder durch eine Sinnesbehinderung (z.B. Schwerhörigkeit oder Sehbehinderung) erklären, liegt eine oft vorübergehende Lese-Rechtschreibschwäche vor. Werden dagegen die aufgeführten Ursachen ausgeschlossen und liegt eine hinreichende allgemeine Intelligenzentwicklung vor, so ist die Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung zu stellen“ .

 

In den deutschsprachigen (und eigentlich allen EU-) Ländern ist allerdings eine mangelhafte Beschulung auszuschließen; schließlich existiert in diesen Ländern eine allgemeine Schulpflicht bis (unterschiedlich) weit in den Sekundarschulbereich hinein. Weiters sind alle Grundschullehrkräfte akademisch (tertiär) ausgebildet.

 

Darüber hinaus gilt nach ICD-10 eine (vielleicht doch bei uns hier und dort selten) vorkommende mangelhafte Beschulung definitionsgemäß überhaupt nicht als Ausschließungsgrund einer Lese- und Rechtschreibstörung nach F81.0, auch nicht für die isolierte Rechtschreibstörung  (F81.1).

Leseverzögerung infolge emotionaler Störung (F93.), bzw. durch psychische oder neurologische Erkrankung verursachte Störungen im Erwerb der Schriftsprache als „oft vorübergehende Schwäche“ zu bezeichnen (und daher nicht als förderungswürdige Störung anzuerkennen), erscheint allerdings kühn.

 

Die einflussreiche Legastheniegesellschaft der Vereinigten Staaten Amerikas, die International Dyslexia Association hält fest:

Dyslexia is a language-based learning disability. Dyslexia refers to a cluster of symptoms, which result in people having difficulties with specific language skills, particularly reading. Students with dyslexia may experience difficulties in other language skills such as spelling, writing, and speaking. Dyslexia is a life-long status, however, its impact can change at different stages in a person's life. It is referred to as a learning disability because dyslexia can make it very difficult for a student to succeed academically in the typical instructional environment.

The exact causes of dyslexia are still not completely clear, but anatomical and brain imagery studies show differences in the way the brain of a dyslexic person develops and functions. Moreover, people with dyslexia have been found to have problems with discriminating sounds within a word, a key factor in their reading difficulties. Dyslexia is not due to either lack of intelligence or a desire to learn; with appropriate teaching methods dyslexics can learn successfully.”

Die European Dyslexia Association nimmt in einem aktuellen Diskussionsvorschlag folgend Stellung:

 

“Dyslexia is a learning difference that covers a wide spectrum of need. This can include challenges in reading, spelling, writing and calculation, organisational skills and sometimes co-ordination difficulties. It is characterised by difficulties

in phonological processing, working memory, rapid naming, sequencing and the

automaticity of basic skill.

 

However, alongside these practical issues is the ongoing challenge for people with dyslexia in navigating through life in a largely non-dyslexia friendly world.

 

Researchers hold many views on the cause of dyslexia. Most agree that genetics are a significant influence.

 

There is no correlation between someone’s socio-economic position  level of intelligence or individual effort and the presence of dyslexia. However, across Europe the multilingual demands, the diversity of linguistic, socio-cultural backgrounds as well as educational opportunity has a significant Influence on the life-chances for dyslexic children and adults.”

 

Der Österreichische Bundesverband Legasthenie vertritt ebenfalls einen breiten Zugang zur Definition von Legasthenie/Dyskalkulie:

 

„Der Österreichische Bundesverband Legasthenie sieht Legasthenie ( Lese-Rechtschreibschwäche) und Dyskalkulie ( Rechenschwäche) als Manifestation einer heterogenen Vielfalt organischer, kognitiver und psychosozialer Störungen, die einzeln oder synergetisch wirksam sind.“

 

Grundsätzlich verlangt der ÖBVL, dass alle Menschen das Recht haben, Lesen, (Recht)Schreiben und Rechnen zu erlernen, ungeachtet der Ursachen, die den Erwerb dieser Kulturtechniken behindern könnten.

 

Folgende Skizzierung der betroffenen Gruppen geht von einer breiten Definition aus.     

 

Manche dieser Kinder leiden an einer klassischen Legasthenie. Dies ist eine durch genetische Faktoren verursachte Reifungsverzögerung von für das Lesen und Schreiben wichtigen Gehirnarealen und -funktionen. Sehr häufig ist hier ein Bereich betroffen, der für das (unbewusste) Wissen um das Wesen und die Funktion der einzelnen Laute der Wörter unserer Sprache und die Fähigkeit zur Gliederung der Wörter in diese Laute verantwortlich ist, nämlich die phonologische Bewusstheit. Diese Fähigkeit wird im Normalfall im Kindergartenalter (etwa durch Reimwörter-, Abzähl- und Rhythmusspiele) entwickelt und ist eine äußerst wichtige Voraussetzung (Vorläuferleistung) für das Lesen- und Schreibenlernen.

 

Ist die phonologische Bewusstheit bei Schuleintritt nicht ausreichend entwickelt, dann drohen im „Normal“-Unterricht  Schwierigkeiten bereits beim Erlernen der Buchstaben und bei den ersten Leseversuchen. Manche Kinder entwickeln Kompensationsstrategien, sodass sie lange für  Eltern und LehrerInnen unauffällig bleiben und erst im Laufe der Grundstufe I legasthene Symptome zeigen; manchmal sogar erst  in der 3. VS-Klasse, wenn zügiges Sinn ent-nehmendes Lesen auch für Mathematik und den Sachunterricht  erforderlich sind und/oder  massive Rechtschreibfehler auftreten oder auch in der Sekundarstufe. Psychologie und Medizin sprechen erst dann von Legasthenie( als isolierte Teilleistungsstörung), wenn die allgemeine Begabung (sprich Intelligenzquotient) um einiges höher ist als der gezeigte - für das jeweilige Alter zu geringe -  Grad der Aneignung des Lesens und Schreibens (so die nicht unumstrittene Definition der Weltgesundheitsbehörde WHO).

 

Weitere häufige Ursachen für eine Reifungsverzögerung der phonologischen Bewusstheit sind lang andauernde Beeinträchtigungen des Hörens im Vorschulalter (etwa durch Mittelohrentzündungen) und nicht erkannte (auch leichte) Schwerhörigkeit.

 

Bei beiden Gruppen treten zusätzlich häufig charakteristische (Sprech-) Sprachstörungen („phonologische Prozesse“) auf, die an die Sprache von Kindern im Alter von 3 Jahren erinnern.

 

Innerhalb der phonologischen Informationsverarbeitug werden derzeit zwei weitere mögliche Ursachen von Legasthenie diskutiert:

 

.) Defizite in der Benenungsgeschwindigkeit, eine Funktion des Langzeitgedächtnisses (‚naming speed’, ‚rapid automized naming’)

 

.) Probleme im sprachgebundenen Kurzzeitgedächtnis (auch: phonologisches Arbeitsgedächtnis)

 

Von SchülerInnen mit nichtdeutscher Erstsprache wird verlangt, dass sie innerhalb kurzer Zeit das phonologische System des Deutschen in ihre phonologische Bewusstheit (die sie – besonders wenn sie erst spät mit dem Deutschen begonnen haben -  ja alleine in ihrer Muttersprache entwickelt haben) integrieren. Je früher sie Deutsch zusätzlich zu ihrer Muttersprache lernen, desto einfacher gelingt dies im Normalfall. Voraussetzung ist allerdings eine normale Entwicklung der Muttersprache – was nicht immer der Fall ist.

 

Weitere Ursachen für Schwierigkeiten bei der Aneignung des Schriftsystems können Augenprobleme sein (etwa verdecktes Schielen oder unerkannte Fehlsichtigkeit), Entwicklungsstörungen des sensorisch-integrativen Bewegungssystems, aber auch sozio-ökonomisch/kulturelle Deprivation (Stichwort schriftfernes Elternhaus) und emotionale Probleme (Scheidung, Todesfall in der Familie, aber auch Überbehütet-Sein) sein.

 

Alle letzteren Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen könnten – in Abgrenzung zur klassischen Legasthenie - als Lese-Rechtschreib-Schwäche bzw. -Störung (LRS) bezeichnet werden.

 

Alle Formen der Legasthenie/LRS können zu schweren emotional-seelischen Folgeerscheinungen führen (Sekundärsymptomatik), die von Lernunlust und Verlust des Selbstwertgefühles  über Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu Depressionen und gar zu Selbstmordgedanken reichen.

 

Da auch mehrere Ursachen gleichzeitig wirken können, ist für die Aufstellung eines Förder/Therapieplanes eine genaue Diagnostik notwendig. Schließlich erfordern verschiedene Ursachen unterschiedliche Hilfeangebote und Maßnahmen für das betroffene Kind und seine Familie.

 

Da Legasthenie/LRS sich definitionsgemäß als Schriftsprachprobleme zeigen, können sie erst nach Beginn der Schriftsprachaneignung diagnostiziert werden. Allerdings können bereits im Kindergartenalter im Bereich der für den Lese-Rechtschreib-Prozess notwendigen Vorläuferleistungen Risikofaktoren festgestellt werden. Anlass für eine entsprechende Abklärung sind verspätete Sprachentwicklung, Probleme bei Reim- und Abzählspielen (phonologische Bewusstheit!), Unkoordiniertheit der Bewegungen („fällt immer über die eigenen Füße“) oder etwa Schiefhaltung des Kopfes (bei einseitigen Hör- oder Sehproblemen). Eine kompetente Förderung dieser Vorläuferfähigkeiten bzw. die Beseitigung von organischen Beeinträchtigungen (Augen- und Ohrenprobleme) können spätere Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreiben-Lernen zumindest verringern.

 

Wichtig sind daher regelmäßige Hörüberprüfungen und HNO-ärztliche Abklärungen (am besten in Stimm- und Sprachambulanzen der großen Krankenhäuser) und augenärztliche Überprüfungen inklusive optometrischer Abklärung durch eine Orthoptistin in entsprechend ausgestatten Praxen oder in den „Sehschulen“ der Augenambulanzen. Die schulärztliche Untersuchung kann derartige Spezialleistungen nicht erbringen.

 

Erfahrene LehrerInnen erkennen bald, wenn ein Kind Schwierigkeiten im Erstlese- und –Schreibunterricht oder auch später hat. Die in letzter Zeit erhöhten KlassenschülerInnenzahlen und andere immer massiver auftretende Probleme wie Verhaltensauffälligkeiten und überbordende (fremd-)sprachliche Vielfalt in den Klassen erschweren jedoch naturgemäß die Bemühungen der KlassenlehrerInnen, auf jedes Kind individuell einzugehen und Legasthenie/LRS-Betroffene intensiv zu fördern. Das in den letzten Jahrzehnten aufgebaute gerade für diese „Sorgenkinder“ höchst wichtige System von Stütz-, Förder -, Beratungs-, Team- und SprachheillehrerInnen wird immer mehr ausgedünnt: Die Schule kann unter diesen Bedingungen nicht mehr alle Aufgaben erfüllen, die Politik und Gesellschaft ihr auftragen. Immer öfter müssen daher Betroffene bzw. ihre Eltern diese Leistungen privat zukaufen.

 

Gerade im Bereich der Legasthenie/LRS ist in den letzten Jahren ein großes, unkontrolliertes Angebot an Therapien entstanden. Es ist für Eltern sehr schwierig, seriöse Hilfestellungen von (auch esoterischer) Scharlatanerie, Geschäftemacherei oder auch Unfähigkeit aufgrund fachlich unzureichender Ausbildung zu unterscheiden. Eindrucksvolle Diplome und Versprechungen sagen wenig aus; zu viele Institutionen, Vereine und Firmen bilden LegasthenietrainerInnen, -betreuerInnen, -therapeutInnen und ähnliches aus, meist mit selbst verliehenen Diplomen. Auch in Akademie- oder Universitätslehrgängen wird die steigende Nachfrage nach Aus- und Fortbildungen in diesem Bereich befriedigt.  Gewerberechtlich handelt es sich bei diesen Unternehmen um „außerschulischen Unterricht“, dem jedermann/frau freiberuflich als freies Gewerbe ohne einen staatlich überprüften Befähigungsnachweis nachgegangen werden kann.

 

Fachleute, LehrerInnen, ElternvereinsmitarbeiterInnen und schulische Stützfunktionen können hier weiterhelfen. Fragen Sie andere betroffene Eltern. „Mundpropaganda“ ist zwar nichts Objektives, kann aber in ihrer Gesamtheit nur wenig irren. Auch kann sich ein Anruf beim gerade entstehenden Berufsverband der LegasthenikertherapeutInnen oder bei der ältesten Selbsthilfegruppe, dem Österreichischen Bundesverband Legasthenie, lohnen. Beide führen Listen von qualifizierten TherapeutInnen, für welche sie die „Hand ins Feuer legen“; beide bieten auch kostenlose Beratungsgespräche an.

 

Erweiterte Fassung eines Beitrages in:

R. Hofmann, M. Kalmár (Hg.): Handbuch Legasthenie, Lernen mit Pfiff, Wien 2006


Autor:

SR Michael Kalmár

E-Mail schreiben


normalgrossgroesser